Léopold Sédar Senghor

Auschnitt aus seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreis 1968
(Frankfurt/M., Paulskirche)

(...)

Über den Staatschef und den Mann der Feder hinaus gilt Ihre Auszeichnung zudem auch dem senegalesischen Volk. Im selben Afrika, in dem immer noch all zu oft bei den Weißen das Rassen- und bei den Schwarzen das Stammesdenken vorherrscht, hat es dieses Volk verstanden, seine völkischen, sozialen und kulturellen Unterschiede in einer Symbiose zu überwinden, in der sich all diese verschiedenartigen Reichtümer gegenseitig ergänzen.


Das alles hindert nicht, daß die heutige Feier etwas Merkwürdiges an sich hat. Da geben Sie den Friedenspreis einem ehemaligen Kriegsgefangenen der deutschen Wehrmacht, einen Preis, der immerhin als literarischer Preis gemeint ist, einem alten Vorkämpfer der Négritude, der kulturellen und politischen Eigenständigkeit des Negertums. Eine wahrhaft merkwürdige Feier, die doch so gut unsere Zeit der Gewalt und Verwirrung und zugleich der anbrechenden Morgendämmerung und Klarheit kennzeichnet, diese zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, die wir gemeinsam erleben. Seltsam also und doch bezeichnend und nicht ohne Sinn. Denn auch in den Kriegsgedichten dieses Dichters und Gefangenen werden Sie kein Wort des Hasses gefunden haben. Und jener Vorkämpfer des Negertums legte großen Wert darauf, zugleich auch ein Vorkämpfer der künftigen Weltkultur zu sein. 


Ein europäischer Geistlicher, der Leiter des Collège Libermann, eines Priesterseminars in Dakar, wurde nicht müde, uns immer von neuem zu wiederholen, daß unsere afrikanischen Vorfahren keine Kultur geschaffen, sondern uns nur eine tabula rasa, eine völlige Leere hinterlassen hätten, von der ausgehend man alles erst neu schaffen müsse.

Die jungen Widerspruchsgeister, die wir damals waren, uns, die wir glaubten, ein ordentliches Leinengewand beanspruchen zu können, stieß er ständig auf die Ebene unseres herkömmlichen Lendenschurzes zurück. Dazu kam dann das holzhammerartig vorgetragene Argument, wir ließen uns von der Musik, vom Klang der Worte bezaubern, statt uns an ihre Substanz, ihre Bedeutung zu halten - was natürlich eindeutig bewies, daß wir keine Kultur hatten.
(...)